Dezentrale Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung nachrüsten: Planung, Kernbohrung, Strom, Schallschutz und echte Kosten

Dezentrale Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung nachrüsten: Planung, Kernbohrung, Strom, Schallschutz und echte Kosten

Warum dezentrale Lüftung im Bestand Sinn ergibt

Moderne, dichte Gebäudehüllen und sanierte Fenster sparen Energie, erhöhen aber das Schimmelrisiko und die CO2- sowie Feuchtewerte in Wohnräumen. Eine dezentrale Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung (WRG) schafft kontrollierten Luftaustausch, ohne die Heizwärme zum Fenster hinaus zu lüften.

Besonders in Bestandswohnungen 50-100 m², in Dachgeschossen und an lauten Straßen ist die Nachrüstung attraktiv: Frische Luft, weniger Feuchte und Gerüche, spürbar besserer Schlafkomfort. Im Vergleich zu zentralen Anlagen ist der Eingriff klein: Kernbohrung pro Gerät, Stromanschluss, Montage - Raum für Raum.

Im Alltag profitieren Sie von stabilen Feuchtewerten, weniger Kondensat an kalten Bauteilen und reduzierten Schimmelrisiken. Gleichzeitig wird Straßenlärm durch die Schalldämmelemente deutlich gedämpft, während Sie nicht mehr ständig Fenster kippen müssen.

Micro-BOM - typische Stückliste und Kosten pro Raum

  • 1-2 WRG-Geräte im Paarbetrieb - 500-1200 EUR
  • Kernbohrung 162-180 mm inkl. Einbauhülse - 150-350 EUR
  • Außenhaube wetterfest, Insektenschutz - 30-100 EUR
  • Schalldämmeinsatz, Dämmmanschetten - 30-80 EUR
  • Stromanschluss 230 V oder 12 V Netzteil, Unterputzdose - 50-150 EUR
  • Bedieneinheit oder Funk/App-Steuerung - 40-200 EUR
  • Dicht- und Montagezubehör (Silikon, Putz, Spachtel) - 20-60 EUR
Modernes Wohnzimmer mit unauffälliger weißer Lüfter-Außenhaube neben dem Fenster und heller Wand
Dezentrale Lüftung unauffällig in moderner Wohnwand integriert.

Systeme im Überblick: welches Gerät passt zu Ihrer Wohnung

Push-Pull-Wechsellüfter im Paarbetrieb

Der Klassiker: Zwei Geräte arbeiten gegensinnig. Gerät A bläst aus, der Keramik-Wärmespeicher lädt sich auf. Nach ca. 60-70 s kehrt die Richtung um, die einströmende Außenluft nimmt die Wärme auf. Typisch je Gerät: 10-30 m³/h Volumenstrom, Wärmebereitstellungsgrad 75-90 Prozent.

Vorteile: sehr einfach nachzurüsten, guter Schallschutz möglich, geringer Stromverbrauch 2-5 W. Nachteil: hörbares Umpol-Intervall bei sehr leisen Räumen, sorgfältige Paarbildung nötig.

Dauerlüfter mit Gegenstrom-Wärmetauscher

Seltener im dezentralen Bereich, aber verfügbar: kontinuierlicher Zu- und Abluftbetrieb mit kleinem Kreuz-Gegenstromtauscher. Vorteil: kein Takten, gleichmäßiger Luftstrom. Nachteil: größerer Aufwand und teils höhere Gerätekosten, oft mehr Platzbedarf.

Filter, Steuerung, Komfortfunktionen

  • Filterklassen: ISO Coarse 60-80 Prozent gegen Staub und Insekten. Optional ePM1 50-60 Prozent bei hoher Feinstaubbelastung. Beachten: höhere Filterklassen senken Volumenstrom.
  • Steuerung: Stufen, Feuchtesensor, CO2-Sensor, Zeitprogramme, App-Anbindung. Für Schlafzimmer wichtig: Nachtmodus mit unter 20 m³/h.
  • Schallschutz: Achten Sie auf Dn,e,w der Außenhaube und Gesamteinheit - Werte ab 42 dB sind an lauten Lagen sinnvoll.

Planung nach DIN 1946-6 in der Praxis

Für Sanierungen fordert DIN 1946-6 ein Lüftungskonzept. In der Praxis gehen Sie pragmatisch vor und lassen die Berechnung vom Fachbetrieb bestätigen.

Grobe Auslegung für typische Wohnungen

  • Grundlüftung 0,3-0,5 Luftwechsel pro Stunde als Orientierung.
  • 75 m², 2,5 m Höhe, Volumen ca. 187 m³. 0,3 h-1 ergibt ca. 56 m³/h erforderliche Luftmenge gesamt.
  • Mit zwei Gerätepaaren decken Sie 40-60 m³/h auf niedriger Stufe ab - ausreichend für Grundlüftung.

Zuluft bevorzugt in Wohn- und Schlafräumen, Abluft in Küche und Bad. Bei reinen Wechsellüftern ohne Abluft in Feuchträumen bleibt das Fenster im Bad für die Intensiventlüftung, alternativ ergänzen Sie einen separaten Badlüfter.

Wie viele Gerätepaare

  • 1-Zimmer-Apartment 35-45 m²: meist 1 Paar reicht.
  • 2-3 Zimmer 60-80 m²: 2 Paare, verteilt auf Schlaf- und Wohnbereich.
  • Große Wohnungen 90-120 m²: 2-3 Paare, plus optional Abluft im Bad.

Tipp: Planen Sie Leitströmung innerhalb der Wohnung. Türen im Alltag nicht dauerhaft dicht schließen, Türunterschnitt 7-10 mm hilft.

Positionierung: Höhe, Abstände, Fassade

Montieren Sie Geräte an Außenwänden, ideal 1,8-2,2 m Oberkante über Fußboden. Vermeiden Sie Kopfseiten der Betten direkt unter dem Gerät. Abstände: 20-30 cm von Fensterlaibungen, mind. 50 cm von Außenkanten, damit die Außenhaube nicht in den Regenwasserabfluss oder Rollladenkasten kollidiert.

Außenhauben: Wählen Sie wetterfeste Pulverbeschichtung, Farbe passend zur Fassade. Bei Straßenlärm bevorzugt schallgedämmte Außenhauben. In Schlagregenlagen auf Tropfkante achten.

Kernbohrung und Wandaufbau

  • Durchmesser 160-180 mm je nach Gerät. Leichtes Gefälle 1-2 Prozent nach außen für Kondensatabfluss.
  • Einbauhülse mit Dämmschale und Schalldämmeinsatz einsetzen, Fuge luftdicht abdichten.
  • Bei WDVS-Fassaden: sauberer Schnitt durch Dämmung, Kompribänder und Dichtmanschetten für wind- und schlagregendichte Ausführung.

Elektrik und Steuerung

Viele Geräte arbeiten mit 230 V, einige mit 12-24 V über Netzteil. Schalten, koppeln und ggf. Sensoren anschließen erfolgt über eine Bedieneinheit oder Funk. Den Anschluss sollte eine Elektrofachkraft vornehmen, insbesondere wenn eine neue Zuleitung gelegt wird.

Einbau-Ablauf in 9 Schritten

  • Position festlegen, Wand prüfen: keine Leitungen, keine tragenden Konflikte.
  • Bohrkern 162-180 mm, 1-2 Prozent Gefälle nach außen, Bohrstaub absaugen.
  • Einbauhülse auf Länge zuschneiden, Dämmschale und Schalldämmkeile einsetzen.
  • Außenhaube mit Insektengitter montieren, Dichtung gegen Schlagregen prüfen.
  • Innen montieren: Keramik-Wärmespeicher und Lüftereinheit einsetzen.
  • Elektrischer Anschluss, Paarbildung und Synchronisation konfigurieren.
  • Innenblende montieren, Fugen schließen, Putz ausbessern.
  • Testlauf: Volumenstrom, Richtungswechsel, Geräusch, Dichtigkeit prüfen.
  • Dokumentation: Schaltplan, Filtertyp, Wartungsintervalle vermerken.

Schallschutz und Schlafzimmer-Tauglichkeit

Gute Geräte erreichen Außenlärmdämmung Dn,e,w 42-50 dB. Achten Sie außerdem auf Strömungsgeräusche: Stufe 1 sollte unter 25 dB(A) liegen, besser 18-22 dB(A) für Schlafzimmer. Wählen Sie lange Dämmeinsätze und tiefere Außenhauben für mehr Schalldämmung, wenn Sie an Hauptverkehrsstraßen wohnen.

Positionieren Sie das Gerät seitlich vom Bett und nutzen Sie den Nachtmodus. Wenn die Fassade sehr sonnig ist, vermeiden Sie direkte Bestrahlung der Außenhaube im Sommer für angenehmere Zulufttemperaturen.

Wartung, Filterwechsel und Betriebskosten

  • Filterwechsel: alle 3-6 Monate, bei Feinstaubfiltern ggf. häufiger. Kosten 10-25 EUR pro Gerät und Wechsel.
  • Reinigung: Wärmespeicher und Lüfterrad 1-2 mal pro Jahr gemäß Herstellerhinweisen reinigen.
  • Stromverbrauch: 2-6 W je Gerät auf niedriger Stufe. Bei 2 Geräten im Dauerbetrieb ca. 20-40 kWh pro Jahr, also 6-14 EUR bei 0,35 EUR/kWh.
  • Lebensdauer: Lüftereinsätze typ. 8-12 Jahre, dann Austausch 120-250 EUR.

Gut gewartete Anlagen halten die Luftqualität stabil und sparen im Vergleich zur Fensterlüftung spürbar Heizkosten, insbesondere in der Übergangszeit.

Rechtliches: Miete, WEG, Fassade

  • Mietwohnung: Kernbohrung und Fassadeneingriff benötigen die schriftliche Zustimmung des Vermieters. Alternativen ohne Fassadeneingriff sind hier selten.
  • Eigentumswohnung: WEG-Beschluss erforderlich, da die Fassade Gemeinschaftseigentum ist. Optik der Außenhaube abstimmen.
  • Denkmalschutz: Genehmigungspflichtig. Gegebenenfalls rückseitige Fassade wählen.
  • Brandschutz: In Brandwänden und Treppenhauswänden sind Durchbrüche in der Regel unzulässig. Vorab prüfen.

Echte Kosten: drei Beispielkalkulationen

1. Schlafzimmer an lauter Straße, 1 Paar

  • 2 Geräte Push-Pull mit schallgedämmter Außenhaube - 700-1100 EUR
  • Kernbohrung und Montage - 250-500 EUR
  • Elektroanschluss und Bedienteil - 100-200 EUR
  • Kleinmaterial und Oberflächenarbeiten - 40-80 EUR
  • Summe realistisch: 1090-1880 EUR

2. 2-Zimmer-Wohnung 60 m², 2 Paare

  • 4 Geräte, Filterset, Steuerung - 1400-2200 EUR
  • 2 Kernbohrungen mehr - 400-700 EUR
  • Elektro, Anpassung Sicherungskreis - 150-300 EUR
  • Spachtel, Farbe, Dichtmaterial - 60-120 EUR
  • Summe realistisch: 2010-3320 EUR

3. Teilnachrüstung EFH Erdgeschoss, 3 Paare

  • 6 Geräte mit App-Steuerung - 2200-3600 EUR
  • 6 Kernbohrungen - 900-1800 EUR
  • Elektro, Dosen, Netzteile - 250-500 EUR
  • Fassadenarbeiten WDVS - 150-300 EUR
  • Summe realistisch: 3500-6200 EUR

Folgekosten pro Jahr: Filter 40-120 EUR, Strom 10-30 EUR je nach Laufzeit und Stufe.

Typische Fehler und wie Sie sie vermeiden

  • Zu wenige Geräte: Unterdeckung führt zu feuchten Räumen. Besser kleinere Stufe mit mehr Geräten als Volllast auf einem Gerät.
  • Keine Paarbildung: Bei Wechsellüftern immer paarweise planen, sonst Druckungleichgewicht und Zugluft.
  • Falsche Höhe: Zu tief montiert verursacht Zug im Sitz- oder Bettbereich. 1,8-2,2 m einhalten.
  • Kein Gefälle: Ohne 1-2 Prozent Gefälle nach außen kann Kondensat nach innen laufen.
  • Falsche Außenhaube: In Lagen mit Lärm einfache Hauben vermeiden, schallgedämmte wählen.
  • Filter vernachlässigt: Verstopfte Filter reduzieren Volumenstrom und erhöhen Geräusche.
  • Keine Abstimmung mit Vermieter oder WEG: Später Ärger und Rückbau drohen.
Handwerkliche Montage einer Lüftungseinheit in einer Außenwand mit Kernbohrung
Montage: Kernbohrung, Einbauhülse, Anschluss und Dichtung im Detail.

Podsumowanie

  • Pro Raum in der Regel 1 Paar Wechsellüfter einplanen, Wohn- und Schlafräume priorisieren.
  • Kernbohrung 160-180 mm mit 1-2 Prozent Gefälle nach außen ausführen.
  • Auf Schalldämmwerte Dn,e,w ab 42 dB und leise Stufe unter 25 dB(A) achten.
  • Filter 3-6 monatlich wechseln, Wärmespeicher jährlich reinigen.
  • Rechtliches vorab klären: Vermieter, WEG, Denkmalschutz, Brandschutz.
  • Realistische Budgetspanne: 1000-3300 EUR für 1-2 Paare inkl. Montage.

FAQ

Kann ich ein dezentrales Gerät im Bad mit WRG nutzen?

Es gibt feuchtraumtaugliche Modelle, üblich ist aber ein separater Bad-Abluftventilator und WRG in Schlaf- und Wohnräumen. Achten Sie auf IP-Schutz und Feuchtesensor.

Wie laut ist der Betrieb nachts wirklich?

Gute Geräte liegen auf niedrigster Stufe bei 18-22 dB(A). Entscheidend sind die Schalldämmeinsätze und die Außenhaube. Probieren Sie vorab im Showroom oder verlassen Sie sich auf Messwerte.

Muss die Anlage dauerhaft laufen?

Ja, für hygienische Grundlüftung ist Dauerbetrieb mit niedriger Stufe sinnvoll. Für Stoßlüftung oder Partys schalten Sie kurzzeitig hoch.

Gibt es Förderungen?

Punktuelle kommunale Programme sind möglich, bundesweit aber selten. Fragen Sie bei Ihrer Kommune nach. Unabhängig davon bleibt die Maßnahme energetisch sinnvoll.